KURT DATTINGERS

literarische Hausapotheke

 

Alle Schrift ist auch Hörwerk. Hier gibt der Dattinger von sich, was ihm den größten Eindruck machte auf der Suche nach dem Schönen.

 

(von Johann Wolfgang Goethe, gelesen zu einer rhythmisch und melodisch passenden Aria von Johann Sebastian Bach am 10. August 2008)

Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig: denn Gesetze
Bewahren die lebendgen Schätze,
Aus welchen sich das All geschmückt.

Das Wahre war schon längst gefunden,
Hat edle Geisterschaft verbunden;
Das alte Wahre, faß es an!
Verdank es, Erdensohn, dem Weisen,
Der ihr die Sonne zu umkreisen,
Und dem Geschwister wies die Bahn,

Sofort nun wende dich nach innen:
Das Zentrum findest du da drinnen,
Woran kein Edler zweifeln mag.
Wirst keine Regel da vermissen:
Denn das selbständige Gewissen
Ist Sonne deinem Sittentag.

Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig
Und wandle sicher wie geschmeidig
Durch Auen reichbegabter Welt.

Genieße mäßig Füll und Segen;
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig
Der Augenblick ist Ewigkeit.


Und war es endlich dir gelungen,
Und bist du vom Gefühl durchdrungen:
Was fruchtbar ist, allein ist wahr ­
Du prüfst das allgemeine Walten,
Es wird nach seiner Weise schalten,
Geselle dich zur kleinsten Schar.

Und wie von Alters her, im stillen,
Ein Liebewerk nach eignem Willen
Der Philosoph, der Dichter schuf,
So wirst du schönste Gunst erzielen:
Denn edlen Seelen vorzufühlen
Ist wünschenswertester Beruf.

 

(gelesen am 06. September 2008)

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch dies Mal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu, nun gut, so mögt ihr walten,
wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt.
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.
                
Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage
und manche liebe Schatten steigen auf.
Gleich einer alten, halb verklungenen Sage
kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf.
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
des Lebens labyrinthisch irren Lauf
und nennt die Guten, die um schöne Stunden
vom Glück getäuscht vor mir hinweggeschwunden.
 
Sie hören nicht die folgenden Gesänge
die Seelen, denen ich die ersten sang.
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
verklungen, ach, der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge.
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang.
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
 
 
Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
nach jenem stillen, ernsten Geisterreich.
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
mein lispelnd Lied der Äolsharfe gleich.
Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,
das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich.
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten
und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.